13. Mai 2026
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Die Grünfläche an der Ecke Karlstraße/Bochumer Straße soll evtl. bebaut werden | Bild: CASNews Media / Nils Bettinger

Streit um Bebauung an der Karlstraße: Wohnraumbedarf trifft auf Geschichte und Grünfläche

Ausschuss beschließt Prüfauftrag – doch Debatte offenbart bereits konkrete Pläne und tiefe Konfliktlinien

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Zwischen Karlstraße und Bochumer Straße, nur wenige Schritte von der Castroper Altstadt entfernt, liegt eine kleine Grünfläche mit Bäumen. Für viele Anwohner ist sie ein unspektakulärer, aber geschätzter Rückzugsort – ein Stück Natur mitten im Stadtgebiet. Doch genau dieses Grundstück könnte bald verschwinden. Stattdessen ist dort Wohnbebauung im Gespräch. Was zunächst wie eine abstrakte Planung klingt, entwickelte sich im Betriebsausschuss 3 (Planen, Bauen und Wohnen) zu einer kontroversen Debatte mit vielen offenen Fragen.


Auslöser ist ein Antrag der CDU-Fraktion, die Fläche für Wohnzwecke zu entwickeln. Die Stadtverwaltung soll prüfen, wie eine Bebauung möglich ist, Gespräche mit Investoren führen und die rechtlichen Rahmenbedingungen klären. Im Vordergrund steht aus Sicht der CDU vor allem der Bedarf an Wohnraum – insbesondere an barrierefreien Wohnungen für ältere Menschen.


CDU sieht dringenden Bedarf – und konkrete Möglichkeiten


Yasemin Breilmann (CDU) machte im Ausschuss deutlich, dass sich ihre Fraktion intensiv mit der Fläche beschäftigt habe. „Wir wollen diese Bebauung auf den Weg bringen“, sagte sie. Dabei gehe es zunächst darum, Möglichkeiten auszuloten und einen Prozess anzustoßen.


Im Verlauf der Diskussion wurde jedoch klar, dass es nicht mehr nur um eine vage Idee geht. Breilmann räumte offen ein, dass es bereits Gespräche mit Investoren gegeben habe. „Ja, natürlich gab es Gespräche. Sonst wüsste ich ja nicht, dass dort Senioren-WGs geplant sind.“ Damit wurde erstmals öffentlich, dass ein konkretes Nutzungskonzept im Hintergrund steht. Auch Gespräche mit der Kirchengemeinde als Eigentümerin der Fläche haben demnach bereits stattgefunden – unter anderem darüber, wie ein möglicher Umgang mit der Geschichte des Ortes aussehen könnte.


SPD unterstützt – Blick auf demografische Entwicklung


Unterstützung erhielt die CDU von der SPD. Fabian Abbitz verwies auf die demografische Entwicklung und den wachsenden Bedarf an altersgerechtem Wohnraum. Schon heute gebe es Wartelisten, viele ältere Menschen suchten vergeblich nach passenden Wohnungen. „Der Anteil der Menschen über 60 wird deutlich steigen – und diese Menschen brauchen barrierefreien Wohnraum“, so Abbitz. Gerade innenstadtnahe Lagen mit kurzen Wegen zu Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten und öffentlichen Verkehrsmitteln seien dafür besonders geeignet.


Kritik von Grünen: Grünfläche und Alternativen


Die Grünen lehnen die Bebauung klar ab. Karsten Zygowski bezeichnete die Begründung des Antrags als „sehr dünn“ und verwies auf andere Entwicklungsflächen im Stadtgebiet, die zunächst genutzt werden sollten – etwa rund um den Bahnhof, an der Holzstraße oder an der Schillerstraße. Zudem habe die Fläche eine wichtige Funktion für das Stadtklima, insbesondere in der dicht bebauten Innenstadt.


AfD sieht wirtschaftliche Interessen im Vordergrund


Auch die AfD-Fraktion sprach sich gegen das Vorhaben aus, setzte dabei jedoch einen anderen Schwerpunkt. Emmo Kuhn äußerte Zweifel daran, dass tatsächlich bezahlbarer Wohnraum im Fokus stehe. „Es entsteht der Eindruck, dass es eher darum geht, Investoren ein gutes Geschäft zu ermöglichen, als Wohnraum für unsere Bürger zu schaffen“, erklärte er im Ausschuss. Kritisch sah die Fraktion zudem, dass vor allem seniorengerechte Wohnformen im Gespräch seien, während sozial geförderter Wohnungsbau nicht thematisiert werde.


Zugleich verwies die AfD auf den Verlust gewachsener Grünstrukturen. Gerade mit Blick auf die in den vergangenen Monaten gefällten Bäume sei die Sensibilität in der Bevölkerung hoch. Für die Fraktion wäre der Antrag allenfalls zustimmungsfähig gewesen, wenn der Erhalt des Baumbestands verbindlich zugesichert würde.


BSW betont Umwelt- und Bestandsschutz


Die BSW schloss sich der grundsätzlichen Kritik an. Sie stellte den Schutz von Umwelt und bestehenden Strukturen in den Vordergrund und sprach sich dafür aus, zunächst vorhandene Flächen im Bestand zu entwickeln, bevor neue Grünflächen in Anspruch genommen werden.


Bürger äußern Sorgen


Auch in der Einwohnerfragestunde meldeten sich Anwohner zu Wort. Sie bezeichneten die Fläche als „wichtige grüne Lunge“ und äußerten Sorgen über mögliche Verkehrsbelastungen sowie den Verlust des bisherigen Umfelds. Zudem wurde die Frage aufgeworfen, ob es nicht alternative Grundstücke im Stadtgebiet gebe, die für eine Bebauung besser geeignet wären.


Ein Ort mit Geschichte


Besondere Brisanz erhält die Diskussion durch die Vergangenheit des Grundstücks. Nach Angaben von Dr. Jürgen Domjahn (Grüne), die auf gemeinsamen Recherchen mit Stadtarchivar Dr. Jasper beruhen, handelt es sich um den Standort des ältesten katholischen Friedhofs im Castroper Stadtgebiet.


Die Fläche wurde über mehr als 150 Jahre als Begräbnisplatz genutzt und ist bereits auf Karten aus dem Jahr 1842 eindeutig als Friedhof verzeichnet. Erst 1867 wurde der Standort aufgegeben und an die Wittener Straße verlegt. Noch heute sind am Rand der Anlage einzelne Grabsteine erhalten – sichtbare Spuren einer Vergangenheit, die im Boden der Fläche weiter präsent ist.


Zwischen Steuerung und Vorfestlegung


Neben der Frage, ob gebaut werden soll, wurde im Ausschuss auch über das Verfahren selbst diskutiert. Die CDU argumentiert, dass ein frühzeitiger politischer Beschluss notwendig sei, um Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen. Ohne diesen Schritt könne ein Investor unter Umständen auch auf Grundlage des Baugesetzbuchs bauen, ohne dass die Politik noch steuernd eingreifen kann.


Kritiker sehen darin hingegen weniger eine offene Prüfung als vielmehr die Begleitung eines bereits angestoßenen Projekts – ein Eindruck, der durch die bereits geführten Gespräche mit Investoren verstärkt wird.


Ausschuss stimmt zu – Entscheidung im Rat steht noch aus


Am Ende folgte die Mehrheit aus CDU und SPD dem Antrag. Grüne und AfD stimmten dagegen, die BSW ist im Ausschuss nicht stimmberechtigt. Damit ist der Weg für weitere Prüfungen und Gespräche frei.


Die endgültige Entscheidung fällt im Stadtrat am 21. Mai. Unabhängig davon hat die Debatte bereits jetzt gezeigt, wie viele unterschiedliche Interessen an dieser vergleichsweise kleinen Fläche zusammenkommen – und wie schwierig die Abwägung zwischen Wohnraumbedarf, Umwelt, Geschichte und wirtschaftlichen Interessen ist.


[Transparenzhinweis: Der Autor dieses Artikels, Nils Bettinger, ist Mitglied des Rates der Stadt Castrop-Rauxel. An der Sitzung des Ausschusses nahm er jedoch ausschließlich in seiner Funktion als Pressevertreter teil. Die journalistische Berichterstattung erfolgt unabhängig von seiner politischen Tätigkeit.]


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Autor

Nils Bettinger

Nils Bettinger

Gründer und Redaktionsleiter.
Hält den Kopf für alles hin.