07. April 2026
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Wenn die Welt stillsteht

2011 verlor Heidi Behrend ihre Tochter Angelina (13) durch einen Verkehrsunfall

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„Ich kam vom Friedhof nach Hause und klopfte an ihre Zimmertür. Wenn zu einer bestimmten Uhrzeit die Haustür aufging oder es klingelte, dachte ich, sie wäre es, aber sie war nicht mehr da.“ Heidi Behrend hat das Schlimmste erlebt, was Eltern passieren kann: Sie verlor ihre Tochter Angelina. Kurz vor ihrem 14. Geburtstag kam Angi bei einem Verkehrsunfall ums Leben.


„Bis zum 25. November 2011 um 20:30 Uhr war es eine andere Zeitrechnung. Ab dann geht die Zeitrechnung ohne Angi los“, sagt Heidi Behrend. „Man sagt immer: Alles im Leben hat einen Sinn. Der Unfall von Angi hat keinen Sinn, aber er ist Teil meiner Geschichte und hat den Anstoß zu meinem weiteren Lebensweg gegeben.“


Wir treffen Heidi Behrend an der Wittener Straße 61, wo sie in einer alten Villa einen Raum für Trauerbegleitung angemietet hat. Mit dem Gütesiegel Familientrauerbegleitung verfügt sie über eine anerkannte, fundierte Qualifikation. Hauptberuflich arbeitet sie seit 2016 als Bestatterin. Ohne Angis Tod hätte Heidi Behrend diese beruflichen Wege vermutlich nicht eingeschlagen. Bis zu diesem Punkt sei es jedoch ein langer und holpriger Weg gewesen.


„In der Anfangszeit war ich alt und grau. Vor der Beerdigung habe ich meinen Kleiderschrank geöffnet und alles, was Farbe hatte, entsorgt. Ich trug nur noch schwarz, habe mich nicht mehr geschminkt und mich nicht mehr zurechtgemacht. Irgendwann sprach mich eine Bekannte an. Sie hatte lange überlegt, ob sie es mir so direkt sagen sollte, sich dann aber dafür entschieden. Sie sagte: ‚Angi würde sagen: Boah, Mama, du bist echt peinlich!‘“ Im ersten Moment sei sie ganz schön sauer gewesen, erinnert sich Heidi Behrend. „Ich fand es total übergriffig, aber als ich darüber nachdachte, wusste ich, dass meine Bekannte recht hatte. Genau so hätte Angi reagiert!“


Angi liebte die Farbe rosa, Glitzer, hörte gern Adele und strahlte pure Lebensfreude aus. „Sie hat so viel gemacht, so viel erlebt mit ihren 13 Jahren“, sagt Heidi Behrend. Bis sie am 25. November 2011 gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde.


Kurz nach dem Unfall an der Victorstraße erhielt Heidi Behrend den Anruf, der ihr ganzes Leben veränderte. „Wir wohnten in der Nähe, und ich fuhr sofort zur Unfallstelle.“ Durch einen Fahrfehler des 18-jährigen Fahrers war das Auto von der Fahrbahn abgekommen, gegen einen Baum geprallt und hatte Feuer gefangen. Der Fahrer überlebte, Angi nicht. „Laut Obduktionsbericht hatte sie einen Herzstillstand erlitten, und sie war sofort tot. Zumindest da ist der Schutzengel wachgeworden.“


Der Unfall geschah am Freitagabend, und einen Tag später rief Heidi Behrend Angelinas Klassenlehrer an. „Mir war wichtig, dass die Schüler aufgefangen werden, wenn sie am Montag zur Schule kommen.“


Ganz lange habe sie nicht wahrhaben wollen, dass ihre Tochter tot sei. „Es ging nur darum, irgendwie zu funktionieren.“ Nachbarn kamen und brachten Essen, die Polizei suchte die Familie auf, stellte Fragen. Die Beerdigung wurde geplant, Freunde, Nachbarn und Familie gaben Halt.


„Ich habe mir sehr schnell psychologische Hilfe geholt, weil ich merkte, dass ich es allein nicht hinbekomme.“ Das sei ein wichtiger und notwendiger Schritt gewesen, denn die Psychologin habe ihr das Gefühl vermittelt, dass sie völlig normal sei. Dass sie daran zweifelte, geschah nicht ohne Grund. Einige Wochen nach Angis Beerdigung habe sie ein Bekannter gefragt: „Wirst du mal wieder normal?“ Daraufhin habe sie sich gefragt, ob das, was sie tue, nicht normal sei. „Deshalb habe ich nach Antworten gesucht und bin darüber auf die LAVIA Familientrauerbegleitung und die Fortbildung ‚Professionalisierte Trauerbegleitung und Verlustbewältigung‘ an der Universität Duisburg-Essen aufmerksam geworden. Die Fortbildungen habe ich gemacht, um mich und meine Trauer zu verstehen.“


Bei „Hope’s Angel“ absolvierte sie außerdem eine Fortbildung für die Begleitung von Eltern bei Fehlgeburten, stiller Geburt, Schwangerschaftsabbruch und Neugeborenentod. Darüber hinaus engagierte sich Heidi Behrend in der Unfallpräventionsarbeit und sprach im Rahmen von „Crashkurs NRW“, einem Verkehrsunfallpräventionsprogramm für junge Erwachsene, über Angelinas tödlichen Unfall.


Sie sei von Anfang an sehr offensiv mit ihrer Trauer umgegangen, blickt Heidi Behrend zurück. „Ich bin auf viel Sprachlosigkeit gestoßen, was ich anfangs persönlich genommen habe, aber das ist es nicht. Jeder trauert anders, und jeder lässt seine Gefühle anders zu. Oftmals wird Trauer auch totgeschwiegen, nach dem Motto: ‚Das Leben muss weitergehen!‘ Das muss es – aber anders.“


Eine erste und wichtige Anlaufstelle sei der Verein „Sternenkinder Vest“ gewesen. Der Verein entstand vor 15 Jahren auf Initiative der Mitglieder der Selbsthilfegruppe verwaister Eltern. 2012 wurde Heidi Behrend Mitglied im Verein, seit Kurzem ist sie dort zweite Vorsitzende. „Es ist ein Verein mit unglaublich viel Potential, und mir ist es wichtig, dass es diesen Verein weiterhin gibt, damit Eltern und Zugehörige eine Anlaufstelle haben.“ Ihr Wissen über Trauerbegleitung möchte Heidi Behrend weitergeben, und dazu seien die erworbenen Qualifikationen unerlässlich gewesen. „Nur meine Erfahrung mit Angis Unfall qualifiziert mich nicht dazu, anderen Menschen zu helfen.“


Rund drei Jahre nach Angelinas Tod sei erstmals wieder Farbe in ihr Leben gekommen – und das wortwörtlich. „Meine Schwester hat im September 2014 geheiratet, und sie hatte eine Bitte an mich: Ich sollte an diesem Tag nichts Schwarzes tragen.“ Das sei der Anstoß gewesen, wieder mehr auf sich selbst zu achten. Bis sie das Zimmer ihrer Tochter ausräumte und renovierte, vergingen noch weitere zwei Jahre. „Jeder muss für sich entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Ich habe fünf Jahre gebraucht.“


Zu begreifen, dass ihre Tochter nie wieder zurückkomme, sei ein fortlaufender Prozess. „Wenn ich heute einkaufen gehe und ihre Lieblingskekse im Regal sehe, ist mein erster Impuls, sie zu kaufen. Dann begreift man, dass man sie nicht mehr zu kaufen braucht, und das ist ein Schlag in die Herzgegend. Früher bin ich in solchen Momenten aus dem Supermarkt gelaufen, heute bleibe ich dort. Ich habe jetzt einen anderen Umgang damit, aber es tut immer noch weh! Ich werde nie wissen, was sie beruflich gemacht hätte, ich werde niemals auf ihrer Hochzeit sein, ich habe nie die Chance gehabt, die Oma ihrer Kinder zu sein. Ob es so gekommen wäre, weiß ich nicht, und ich werde es auch nie erfahren.“


Sie hätte ihrer Tochter noch gern so vieles gesagt, sie in den Arm genommen, sagt Heidi Behrend. Die Trauerarbeit habe ihr gezeigt, wie man dies im Nachhinein machen könne.


Trauerarbeit sei kräftezehrend, weiß Heidi Behrend. „Man muss es wollen, dass man für sich selbst einen Weg zurückfindet. Das Leben steckt voller Herausforderungen, und Angis Tod war meine größte. Auf der rechten Schulter sitzt die Trauer, links die Liebe und das Glücksgefühl. Meine Tochter hat mir durch ihren Tod bewusst gemacht, wie wertvoll das Leben ist! Man kann wieder Freude zulassen, wieder lachen, aber die Trauer bleibt – ein Leben lang!“


Kontakt:


Familientrauerbegleitung Heidrun Behrend

Wittener Straße 61, 44575 Castrop-Rauxel

Tel. 015562 476025

familientrauerbegleitung-cas.de

info@familientrauerbegleitung-cas.de


[Bild: "Man kann wieder Freude zulassen, wieder lachen, aber die Trauer bleibt", weiß Heidi Behrend.]

  • Quelle(n): CASNews

Autor

Nina Möhlmeier

Nina Möhlmeier

Freie Mitarbeiterin