03. Mai 2026
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Pascal mit den Schafen Zimt und Schnecke. Die Coburger Fuchsschafe sind Teil des inklusiven Projektes "Zusammen-Wachsen" im Emscherland. | Bild: Nina Möhlmeier

Peter Lustig-Feeling im Emscherland

Inklusives Projekt "Zusammen-Wachsen": Jeder ist auf dem Gemüseacker willkommen

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„Ich liebe es, in der Natur zu sein. Natur ist das Schönste, was man haben kann! Ich würde am Rad drehen, wenn ich nur am Schreibtisch sitze“, sagt Marcel. Der 27-Jährige ist einer von rund 15 Teilnehmenden eines inklusiven Projektes. Unter dem Namen „Zusammen-Wachsen“ setzen die Recklinghäuser Werkstätten Qualifizierung, Bildung und Wissensvermittlung im Emscherland um.


Wir treffen Marcel, die anderen Teilnehmenden und zwei Fachkräfte bei strahlendem Sonnenschein auf dem Gemüseacker. Schilder an den 39 Beeten weisen darauf hin, was sich in ihnen befindet – zum Beispiel Kartoffeln, Erdbeeren und verschiedene Kohlsorten. „Gepflanzt wird im Abstand von einer kleinen Schaufellänge. Man muss den Abstand beachten, denn ansonsten verwurzeln sich die Pflanzen“, erklärt Marcel. Er ist seit zweieinhalb Jahren im Projekt und mittlerweile ein richtiger Experte. Marvin (28) ist seit knapp vier Wochen dabei. Gestern hat er Kohlrabi gepflanzt. Bis zur Kohlrabi-Ernte wird es rund zwei bis drei Monate dauern. Die „Abstandsregelungen“ beim Gemüseanbau hat auch Marvin längst verinnerlicht. „Zum Beet-Rand hin muss man eine Handbreit Abstand halten“, sagt er. „Ich habe schon so viele Arbeiten erledigt“, freut er sich. „Es ist einfach super hier. Ich arbeite am liebsten draußen. Gartenlandschaftsbau und Tierpflege sind das Richtige für mich.“


Was 2020 als kleines Gemüseacker-Projekt begann, wuchs 2024 mit dem Umzug ins Emscherland und der damit einhergehenden Kooperation mit Emschergenossenschaft und Lippeverband stetig. Das zeigt sich auch an der Größe des Ackers. „Im letzten Jahr wurde der Gemüseacker vergrößert und somit verdoppelt“, freut sich Projektkoordinatorin Maren Willing.


Die Beschäftigten – allesamt Menschen mit Behinderungen – werden nicht nur in Theorie und Praxis zu Experten im Bereich der Landwirtschaft ausgebildet, sondern sie lernen auch, ihr erworbenes Wissen an Kindergartengruppen, Schulklassen oder Emscherland-Besucher weiterzugeben. Regelmäßig kommen Gruppen von jungen Menschen vorbei, um gemeinsam mit den Projekt-Teilnehmenden unter anderem den Acker zu erkunden, Gemüse anzupflanzen oder das Leben im Suderwicher Bach unter die Lupe zu nehmen. Gelebter Sachkundeunterricht mitten im Emscherland!2025 haben unsere Teilnehmenden ihr Wissen an 600 Kinder und Jugendliche aus der Region weitergegeben“, berichtet Maren Willing. Und das ist eine Win-Win-Situation: „Die Kinder lernen, wie Gemüse entsteht, bis es auf den Teller kommt. Viele kennen es nur aus Gläsern oder Dosen. Und für uns ist es gut, wenn Kindergärten oder Schulklassen vorbeikommen, weil das für uns eine Förderung ist“, erklärt Marcel.


Hier wird Inklusion gelebt. Der Mensch steht im Vordergrund und die Krankheit nicht im Mittelpunkt. Jeder ist auf dem Acker willkommen“, so Maren Willing.


27 Monate lang haben die Teilnehmenden im Vorfeld im eigenen Berufsbildungsbereich der Recklinghäuser Werkstätten Zeit, sich in verschiedenen Bereichen auszuprobieren, um ihren Schwerpunkt zu finden. Das Ziel ist die Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt sowie Teilhabe am Arbeitsleben.


Während unseres Gespräches geht die Führung über den Gemüseacker weiter. Drei Hochbeete mit Minze, Schnittlauch und Thymian sind kürzlich neu hinzugekommen. Der Folientunnel, eine Art Gewächshaus, ist hingegen seit Ende 2025 vor Ort – einer Spende sei Dank. „Hier ziehen wir Sachen vor, die im Frühjahr in die Beete kommen sollen“, erklärt Maren Willing. Ziel sei es, die Saison zu verlängern. „Im Folientunnel haben wir zum Beispiel Gurken und Tomaten“, sagt Marcel. „Tomaten sind sehr empfindlich. Sie wollen nasse Füße, aber keinen nassen Körper.“


In Sichtweite des Folientunnels steht ein grüner Bauwagen. Sofort fühlt man sich an Peter Lustig und die Sendung „Löwenzahn“ erinnert. „Er dient als Pausenraum und ist auch für die Kinder ein Highlight“, weiß Maren Willing. Der Bauwagen ist ebenfalls das Ergebnis einer Spende. Für „Zusammen-Wachsen“ sind Spenden immens wichtig, denn das Projekt wird darüber finanziert.


Unweit des Gemüseackers treffen wir auf Mary (25) und Pascal (39) mit ihren Schützlingen Zimt und Schnecke. Die beiden Coburger Fuchsschafe leben seit dem vergangenen Jahr im Emscherland und sind ebenfalls Teil des inklusiven Projekts. Verantwortung und der Umgang mit Lebewesen sind hier zwei zentrale Schlagwörter. Ihre Namen verdanken die Coburger Fuchsschafe übrigens einer Abstimmung, die die Recklinghäuser Werkstätten via Instagram starteten. Dank des Trainings mit Mary und Pascal lassen sich die Schafe mittlerweile streicheln und am Halfter durch den Emscherpark führen. „Schnecke ist schon sehr zutraulich, Zimt noch etwas zögerlich“, verrät Mary.


In diesem Jahr sollen die beiden Schafe voraussichtlich das erste Mal mit einer Schulklasse zusammengebracht werden.


„Zusammen-Wachsen“ steht nicht nur für Qualifizierung, inklusive Bildung und Wissensvermittlung, sondern auch für den Verkauf von Produkten. Wer saisonales Gemüse kaufen möchte, kann während der Öffnungszeiten (montags bis donnerstags von 7:45 Uhr bis 13:30 Uhr sowie freitags von 7:45 Uhr bis 12:30 Uhr) direkt zum Gemüseacker kommen, dort Rücksprache mit den Teilnehmenden halten und sich etwas aussuchen. Verkauft wird nach Kilopreis.


Mehr über das Projekt unter:


https://www.recklinghaeuser-werkstaetten.de/zusammen-wachsen/.


Bildergalerie (2 Bilder)

  • Quelle(n):

Autor

Nina Möhlmeier

Nina Möhlmeier

Freie Mitarbeiterin