"Man sieht den Turm und weiß, dass man zu Hause ist"
CASNews-Serie "Heimat", Teil I: Christian Schneider und der Erin Förder-Turm-Verein
- 19.06.2026 um 06:59
- Castrop-Rauxel
„Als ich klein war, haben wir meine Oma besucht und fuhren an der Zeche Erin vorbei. Die Seilscheiben haben sich gedreht, der Schornstein rauchte. Das ist die einzige Erinnerung, die ich an die Zeche habe, als sie noch in Betrieb war“, blickt Christian Schneider zurück. Heute setzt sich der 48-Jährige dafür ein, dass Zeugnisse der Vergangenheit bewahrt werden. Mit ihm startet die CASNews-Serie „Heimat“.
Seit 2014 ist Christian Schneider erster Vorsitzender des Erin Förder-Turm-Vereins Castrop-Rauxel e.V.. Zum Verein kam er durch Jürgen Wischnewski, heute zweiter Vorsitzender. Sie verband das Interesse an alten Fotos und Stadtentwicklung. Wischnewski habe ihn zu einer Vereinssitzung mitgenommen, und die älteren Mitglieder hätten sich gefreut, dass ein junger Mensch vorbeigekommen sei. Christian Schneider blieb – 2011 wurde er zunächst zweiter Vorsitzender, dann gab Klaus Michael Lehmann schließlich den Staffelstab komplett an die nächste Generation weiter.
Als der Verein im Oktober 1984 auf Initiative von Klaus Michael Lehmann gegründet wurde, war die letzte noch bestehende Zeche im Stadtgebiet, die Zeche Erin, seit fast einem Jahr stillgelegt und der Förderturm schon zur Verschrottung freigegeben. Ziel des Vereins war es, den Abbruch zu verhindern und das Fördergerüst für die Nachwelt zu erhalten. Es gelang, und heute ist das seit 1986 denkmalgeschützte Fördergerüst Erin, das 1954 über Schacht 7 in Betrieb genommen wurde, nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken. 1987 setzte sich der Verein ebenso erfolgreich für die Rettung der Schachtgerüste Teutoburgia in Herne, seit 1929 zur Zeche Erin gehörend, und den Hammerkopfturm (Schacht Erin 3) auf Schwerin ein.
An letztgenanntem Relikt aus der Vergangenheit treffen wir Christian Schneider zum Gespräch – eigentlich ist es verschlossen, aber uns wird heute Einlass gewährt. Um mit einem tollen Ausblick über Stadt und Umgebung belohnt zu werden, muss man zunächst 133 Stufen erklimmen.
Ursprünglich war der Schacht an der Bodelschwingher Straße als reiner Wetterschacht geplant, um den Luftaustausch im Bergwerk zu verbessern. Später wurde er auch genutzt, um Kumpels oder Material zu befördern. Zunächst stand ein einfaches Stahlfördergerüst über dem Schacht 3. Dieses wurde 1929 abgerissen und durch den heute noch erhaltenen Hammerkopfturm ersetzt.
Im Hammerkopfturm ist die Vergangenheit allgegenwärtig, und so soll es auch bleiben. Ziel der Vereinsarbeit ist das Bewahren und Nahebringen. Immer wieder schauen Vereinsmitglieder am Hammerkopfturm und am Erinturm nach dem Rechten – zum Beispiel dann, wenn es Hinweise aus der Nachbarschaft gibt, dass das Licht am „Luftschacht“ ausgefallen ist oder Vögel in den Turm geflogen sind. „Der Hammerkopfturm ist in einem guten Zustand, er ist noch sehr massiv“, sagt Christian Schneider. „Aber natürlich nagt der Zahn der Zeit an allem.“ Und daher muss auch immer wieder überprüft werden, ob Instandsetzungsarbeiten erforderlich sind. Falls nötig, wird auch viel Geld in die Hand genommen. So unterstützte der Erin Förder-Turm-Verein 2011/2012 umfangreiche Reparatur- und Sanierungsarbeiten am Hauptförderschacht Erin 7 mit rund 22.230 Euro. Im Jahr 2019 wurde der Verein mit dem Heimatpreis ausgezeichnet.
Bewahren ist das eine, nahebringen das andere. Mitglieder des Erin Förder-Turm-Vereins bieten bei Bedarf die eine oder andere Führung an – unentgeltlich. Zum Beispiel für Leute, die Spaß an Industriegeschichte haben. „Es ist toll, wenn man sie ihnen dann zeigen kann“, lächelt Christian Schneider. „Man erkennt, was es den Leuten bedeutet, und dadurch gewinnt es für einen selbst auch an Bedeutung.“ Einige Besucher seien technisch sehr interessiert, andere wiederum erfreuten sich an dem Ausblick. Er selbst habe auch Neues dazugelernt. „Ein Schweizer Maschinenbauingenieur hat mir Dinge erklärt, und dieses Wissen konnte ich anschließend weitergeben.“ Und dann war da noch dieser besondere Moment, als es bei einer Führung oben auf dem Hammerkopfturm zu einem Heiratsantrag kam.
Um die Vereinsarbeit adäquat gestalten zu können, brauche man Manpower und Geld, weiß der erste Vorsitzende. Der Erin Förder-Turm-Verein zählt rund 90 Mitglieder. Heutzutage sei es schwierig, neue Mitglieder zu gewinnen. Sie wären natürlich herzlich willkommen. Der jährliche Mitgliedsbeitrag beläuft sich auf 20 Euro, für Firmen sind es 30 Euro. Aber auch Spenden können dazu beitragen, dass Erinturm und Hammerkopfturm noch viele weitere Jahre stadtbildprägend sein werden. „Die Türme sind ein Wahrzeichen der Stadt. Die Leute verbinden Castrop-Rauxel damit. Es sind Identifikationspunkte. Fährt man in die Stadt und sieht den Turm, weiß man, dass man zu Hause ist“, sagt der gebürtige Castrop-Rauxeler Christian Schneider. „Mein Onkel war auf Erin, und irgendwie hat gefühlt jeder jemanden in der Familie, der auf der Zeche war. Für mich sind die Türme durch meine Arbeit im Verein etwas Besonderes geworden.“
Und auch Castrop-Rauxel selbst ist für ihn etwas Besonderes: „Geht man zu Veranstaltungen wie ‚Castrop kocht über‘, trifft man Menschen aus verschiedenen Epochen seines Lebens. Hier ist es nicht anonym, man kennt seine Ansprechpartner. Für mich ist das etwas Schönes. Ich fühle mich hier wohl. Zu Hause!“
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- Quelle(n):
Autor
Nina Möhlmeier
Freie Mitarbeiterin
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