Leserbrief: „Castrop-Rauxel ist mehr als seine Schulden“
Ratsherr Selim Korkutan wirbt für mehr Zuversicht und würdigt Engagement in der Stadt
- 01.04.2026 um 16:52
- Castrop-Rauxel
Hinweis der Redaktion: Leserbriefe geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Leserbriefe zu kürzen. Der vorliegende Leserbrief bezieht sich auf die Haushaltsreden im Rat der Stadt Castrop-Rauxel vom 26. März 2026. In seiner Haushaltsrede für die Fraktion von Bündnis90/Die Grünen hatte Selim Korkutan den Satz „Castrop-Rauxel ist keine kaputte Stadt“ verwendet.
Leserbrief von Selim Korkutan, Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen
Castrop-Rauxel kann mehr, als wir manchmal glauben.
Mittlerweile hat es wahrscheinlich jede Castrop-Rauxelerin und jeder Castrop-Rauxeler schon einmal gehört: Wir sind pleite. Wer in diesen Wochen auf die städtischen Zahlen schaut, kommt schnell zu diesem Schluss. Der Haushalt unserer Stadt weist für das laufende Jahr ein Defizit von rund 46 Millionen Euro aus. Das ist eine enorme Belastung. Und niemand sollte so tun, als wäre das ein normales Maß.
Aber ist das wirklich die ganze Wahrheit über unsere Stadt?
Wenn man die letzte Ratssitzung verfolgt hat, konnte man stellenweise den Eindruck gewinnen, dass einige diese Stadt bereits aufgegeben haben. Diesen Eindruck teile ich nicht. Ja, die Lage ist schwierig. Und ja, es gibt auch Stimmen, die aus dieser Situation politisches Kapital schlagen. Aber es gibt eben auch viele, die jeden Tag daran arbeiten, diese Stadt ein kleines Stück besser zu machen. Und genau das gerät oft in den Hintergrund. Wer nur auf die Zahlen schaut, der versteht diese Stadt nicht. Denn Castrop-Rauxel ist mehr als ein Haushalt. Castrop-Rauxel ist vor allem das, was die Menschen daraus machen. Wir sollten uns nicht in Haushaltszahlen messen lassen.
Diese Stadt lebt vom Engagement. Von den vielen, die sich einbringen. Oft selbstverständlich, oft ohne große Aufmerksamkeit. In Stadtteilvereinen, die sich um ihr Viertel kümmern. Auf den Sportplätzen, in Fußball- und anderen Sportvereinen, in Turnhallen und Vereinsheimen. In Initiativen, Nachbarschaften und sozialen Projekten.
Und all diese Ehrenamtlichen tun das in einer Zeit, in der der Ton rauer geworden ist. In der Engagement nicht nur Zustimmung bekommt, sondern auch Kritik. Und das bis hin zu persönlichen Anfeindungen.
Dass trotzdem so viele Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein starkes Zeichen für diese Stadt. Diese Stadt dankt euch dafür!
Zu diesem Engagement gehört auch, dass wir immer wieder zusammenkommen: bei den vielen Veranstaltungen in unserer Stadt. Ob Stadtfest, kleinere Veranstaltungen in den Stadtteilen oder das, was Vereine auf die Beine stellen. Gerade in diesen Momenten merke ich: diese Stadt kann was.
Gerade deshalb sollten wir vorsichtig sein mit dem Bild, das wir von uns selbst zeichnen.
Castrop-Rauxel ist keine kaputte Stadt.
Natürlich läuft nicht alles so, wie es sollte. Das erleben die Castrop-Rauxeler im Alltag. Unsere Straßen sind oft in keinem guten Zustand, Radwege fehlen oder enden plötzlich, Gehwege sind zu schmal oder nicht barrierefrei, unsere Stadt könnte sauberer und gepflegter sein. In einigen Quartieren fehlt es an Parkraum, Projekte dauern zu lange, und manches, was eigentlich einfach sein müsste, wird durch komplizierte Verfahren unnötig schwer.
Das sorgt für Frust. Und das völlig zu Recht.
Aber diese Probleme haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie entstehen nicht, weil es dieser Stadt an Engagement, Ideen oder Zusammenhalt fehlt. Im Gegenteil.
Castrop-Rauxel ist eine Stadt mit Substanz. Eine Stadt, in der Menschen füreinander einstehen, Verantwortung übernehmen und sich kümmern. Eine Stadt, die nicht perfekt ist. Und es vielleicht auch nie sein wird. Aber genau das ist es, was sie ausmacht. Weil hier nicht alles glattläuft, sondern weil hier Menschen sind, die Dinge am Laufen halten. Vielleicht ist es gerade dieses Unperfekte, das uns hier zusammenhält.
Natürlich stehen wir vor großen Herausforderungen. Die finanziellen Spielräume sind eng, Entscheidungen werden schwieriger, Prioritäten härter.
Wir wissen doch, worauf es ankommt: auf gute Bildung für unsere Kinder, auf verlässliche Mobilität, auf lebenswerte Stadtteile und eine Stadtentwicklung, die auch morgen noch trägt. Und auf eine Politik, die sich an den konkreten Problemen der Menschen orientiert. Nicht daran, wie gut etwas ins eigene Weltbild passt. Nicht entlang starrer ideologischer Linien, sondern entlang dessen, was tatsächlich funktioniert. Das ist ein Anspruch, an dem wir uns alle messen lassen müssen.
Das alles bleibt richtig… Auch in Zeiten knapper Kassen.
Gleichzeitig müssen wir im Kleinen besser werden. Dort, wo es konkret wird: im Stadtteil, auf dem Schulweg, auf dem Spielplatz, bei ganz praktischen Fragen des Alltags. Genau hier entscheidet sich, ob Politik funktioniert.
Denn wenn engagierte Bürger erleben, dass ihr Einsatz nichts bewirkt, dann geht Vertrauen verloren. Demokratie lebt davon, dass Engagement Wirkung zeigt.
Deshalb ist die Haushaltslage nicht nur eine finanzielle Herausforderung, sondern auch eine Frage des Vertrauens. Umso wichtiger ist Ehrlichkeit und Zusammenhalt. Problembenennung und gleichzeitig nicht aus dem Blick verlieren, was diese Stadt stark macht.
Lassen wir uns diese Stadt nicht kleinreden. Nicht von Zahlen, nicht von Schlagzeilen und auch nicht von denen, die aus Problemen mehr Kapital schlagen wollen als Lösungen anbieten. Kümmern wir uns weiter um das, was vor Ort zählt. Um die Dinge, die den Alltag der Menschen konkret besser machen.
Zeigen wir gemeinsam, dass Engagement einen Unterschied macht. Dass es sich lohnt, sich einzumischen. Dass diese Stadt nicht von denen geprägt wird, die am lautesten sind. Sondern von denen, die anpacken.
Denn Castrop-Rauxel ist nicht perfekt. Aber es ist unsere Stadt. Und was aus ihr wird, liegt auch an uns.
Selim Korkutan
Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen
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