Bergbau, Bürgermeisterzimmer, Begegnung
CASNews-Serie "Heimat", Teil IV: Werner Requardt und die heimatkundliche Sammlung
- 10.07.2026 um 16:35
- Castrop-Rauxel
„Ich lebe seit 70 Jahren in Castrop-Rauxel. Hier ist meine Heimat, und die heimatkundliche Sammlung in Dingen ist meine zweite Heimat“, sagt Werner Requardt. Mit dem 71-jährigen Rauxeler geht die CASNews-Heimat-Serie in die vierte Runde.
Ein Schild mit zwei Stadtwappen über dem Eingang der ehemaligen Turnhalle an der Westheide 63 weist darauf hin, was sich im Inneren befindet: „Heimat und Kultur Castrop-Rauxel e.V. präsentiert allen Bürgern die Heimatkundliche Sammlung.“ Seitlich der Eingangstür steht eine Seilscheibe – ein erstes Zeugnis der Vergangenheit und viele weitere werden folgen. „Hier wird die Vergangenheit lebendig gemacht“, weiß Werner Requardt, der uns an diesem Donnerstagvormittag gemeinsam mit Wolfgang Limberg begrüßt. Die Beiden sind ebenso wie Ralf Friedel Beisitzer im Verein „Heimat und Kultur Castrop-Rauxel e.V.“. Der 2008 gegründete Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die heimatkundliche Sammlung der Stadt Castrop-Rauxel zu erhalten, Exponate restaurieren zu lassen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. 2019 wurde der Verein mit dem Heimatpreis der Stadt ausgezeichnet, 2020 folgte der Heimatpreis des Landes NRW. In diesem Jahr erhielt „Heimat und Kultur“ um seinen ersten Vorsitzenden Bert Falk den städtischen Ehrenpreis für Gesellschaft und Kultur – „In Anerkennung des Einsatzes für die Bewahrung und Sichtbarmachung der Geschichte Castrop-Rauxels“.
Als die ehemalige Turnhalle in Dingen als Unterbringungsort für Flüchtlinge ausgedient hatte, kam die Idee auf, sie als Ausstellungsort für die heimatkundliche Sammlung der Stadt zu nutzen, die bis zu diesem Zeitpunkt in der ehemaligen Janusz-Korczak-Gesamtschule in Ickern „unter Verschluss“ gewesen war. Dann kam der Corona-Lockdown mit all seinen restriktiven Einschränkungen. Die Ausstellungsstücke befanden sich nun zwar in Dingen, durften der Öffentlichkeit aber nicht zugänglich gemacht werden, und auch die Vereinsmitglieder konnten vor Ort nicht aktiv werden. Dieses Kapitel gehört der Vergangenheit an. Und so können Interessierte dienstags und donnerstags von 10 Uhr bis 16:30 Uhr in die Vergangenheit eintauchen. Der Eintritt zur heimatkundlichen Sammlung ist frei. Wer sich vor Ort mit einem Frühstück zum Preis von 4,50 Euro stärken möchte, kann sich vorab unter Tel. 02305 8923812 anmelden. Eine Anmeldung ist ebenso erforderlich, wenn eine fachkundige Führung durch die Sammlung erwünscht ist.
„Wir haben hier kein Heimatmuseum. Ein solches Museum hat einen wissenschaftlichen Hintergrund und den haben wir ausdrücklich nicht“, betont Wolfgang Limberg. Der Fokus liegt auf etwas anderem: „Das Auge sieht, versteht und erinnert sich.“
Die Sammlung setzt sich aus Leihgaben der Stadtverwaltung und Spenden von Bürgern zusammen. Letztgenannte machten mittlerweile den größten Teil der Sammlung aus, weiß Werner Requardt. Er werde häufig gefragt, ob etwas vorbeigebracht werden könnte – aus Angst, dass die Kinder es später auf den Müll werfen oder weil jemand Platz schaffen wolle beziehungsweise müsse. Daher wächst die Sammlung stetig an, alles bleibt im Fluss. „Wenn Sie in drei Monaten wiederkommen, sieht es hier garantiert wieder anders aus“, lächelt Werner Requardt. Der 71-Jährige ist praktisch jeden Tag vor Ort. „Er ist die gute Seele der heimatkundlichen Sammlung und mit Spaß und Herz dabei“, sagt Wolfgang Limberg.
Das Engagement in Dingen bringe Struktur in seinen Tag, verrät Werner Requardt. „Und wenn ich dann das Leuchten in den Augen der Besucher sehe, die sich freuen, Dinge von früher zu sehen, pusht mich das unglaublich.“
Zu sehen gibt es eine ganze Menge. So viel, dass die gleich folgende Aufzählung nicht mal annähernd wiedergibt, was alles Teil der Sammlung ist: Schreibmaschinen, Standuhr, Bilder, elektronische Messgeräte, Bergbau-Utensilien, Nachbildung des Kraftwerks Rauxel, „Gute Stube“, Wohnküche, Schulzimmer, Raum der Vereine, Truhen, Schränke, Teeservices, Nähmaschinen, Wiedergabegerät für Schallband-Kassetten (Tefifon), Schuster-, Schuhmacher-, Schneiderei- und Schmiedezubehör, Gang „Zur Rennbahn“, und und und.
Im Fernsehraum findet nicht nur das Frühstück statt, sondern man kann auch zwischen verschiedenen Filmen wählen. Unter anderem sind historische Sprengungen (zum Beispiel des Kraftwerks in Rauxel) zu sehen. Mit „Die Sendung mit der Maus“ wird auch an junge Besucher gedacht.
Ein Bild, das einst in der früheren Henrichenburger Gaststätte „Dorider“ hing, wurde von Ludwig Dorider, der in Osnabrück lebt, gestiftet. Der jahrzehntelange Aufenthalt in der Kneipe hat Spuren am Gemälde hinterlassen, es ist „nikotingetränkt. Eine Restaurierung würde 3.000 Euro kosten. Für einen so kleinen Verein ist das eine große Hausnummer“, sagt Wolfgang Limberg. Auch deshalb freut sich der Verein über Spenden.
Das Büro des früheren Oberbürgermeisters Wilhelm Kauermann sei bei den Besuchern ein sehr beliebtes Fotomotiv, wissen Requardt und Limberg. „Jeder will auf dem Stuhl sitzen und fotografiert werden.“ Spontan wurde im alten Bürgermeisterzimmer auch mal ein Ehegelübde nach 50 gemeinsamen Jahren erneuert.
Der Bergbau war prägend für Castrop-Rauxel – daher finden sich auch viele Utensilien wie Werkzeuge, Anzüge oder Grubenlampen in der Sammlung. Ein Hingucker ist das von Jörg Kohl gebaute und gestiftete Fördergerüst, das der Zeche Victor Ickern I/II nachempfunden ist.
Vor rund drei Jahren brachten vier ehemalige Bergwerksdirektoren die Heilige Barbara der Zeche Victor III/IV nach Dingen. Eine Heilige Barbara in Lebensgröße stammt wiederum von der siebten Sohle der Zeche Erin. „Nach Schließung der Zeche kam sie zunächst ins Berglehrlingsheim, anschließend zurück zur Familie. Schließlich brachte sie eine Enkelin zu uns: Sie wollte mal Platz in ihrem Wohnzimmer haben.“
Werner Requardt kennt noch viele weitere Geschichten und Anekdoten. Wer sie hören möchte, sollte nach Dingen kommen.
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- Quelle(n):
Autor
Nina Möhlmeier
Freie Mitarbeiterin
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